Der Faden des Hauptmanns

Balduin räusperte sich, um den Frosch aus seinem Hals zu verdrängen. Es war einfach zu trocken hinter der Bühne. Der Staub der Jahrzehnte lag auf den Bohlen und nur dort, wo er für gewöhnlich stand, war es sauberer. Jetzt jedoch kroch der Puppenspieler zwischen der Bühne und seiner Empore herum, um die vermaledeite Öse zu finden. Irgendwie hatte sie sich während der Vorstellung aus seinem Hauptmann gelöst, nun hing der Arm der Puppe kraftlos herunter. Mit schwitzigen Fingern tastete er zwischen die Dielenbretter. Irgendwo musste sie sein. Aber außer Staub, Spinnweben und Abrissschnipseln von alten Eintrittskarten konnte er nichts finden. Entnervt gab er auf und stemmt sich mühsam nach oben. Sein Rücken vergalt es ihm mit einem stechenden Schmerz und auch seine Knie meldeten sich augenblicklich, als er sich zu seiner vollen Höhe aufrichtete.

Geistesabwesend strich er dem Hauptmann über den Kopf. Die Wollfäden seiner Frisur waren mittlerweile ganz ausgefranst. Vorsichtig, um nicht noch mehr kaputt zu machen, hob Balduin seine Puppe auf und trug sie zum Arbeitstisch; oder eher: der Arbeitsplatte in der hintersten Ecke unter den Schrägbalken der alten Scheune, in der sein Puppentheater beheimatet war. Er hängte das Holzkreuz in die Vorrichtung, damit die Fäden nicht noch weiter durcheinander gerieten. Darum würde er sich am Ende der Reparatur kümmern. Er griff nach der Zange und nahm eine neue Ringschraube auf. Die großen, grünen Augen des Hauptmanns glänzten, als würde er leben. Selbst die Lichtreflexion wirkte so echt, dass Balduin sich regelmäßig darin verlor. 

Erschienen in: Steampunk-Chroniken: Ætherwelt